Zwischen Dinkel und Wahnsinn

Veröffentlicht am 17. September 2026 um 23:15

Diese Elternabende. Aber hey – ich kann euch beruhigen: Den letzten habe ich heute Abend endlich überstanden. Ich bin wieder zu Hause. Unversehrt. Mehr oder weniger. Eigentlich wollte ich nämlich wieder über einen Elternabend schreiben. Ich hatte schon angefangen. Ich hatte Gedanken. Beobachtungen. Pointen. Und vermutlich hätte ich mich wieder wunderbar darüber ausgelassen, wie ich als Mutter zwischen pädagogischen Konzepten, digitalen Medien, Selbstverantwortung und der Erkenntnis sitze, dass offenbar alle anderen Eltern einen geheimen Elternkurs besucht haben, zu dem ich die Einladung nie bekommen habe. Oder sie war im Spam. Oder auf dem Altpapier. Wahrscheinlich zusammen mit den ganzen Bastelzetteln aus der Schule, die ich aus Prinzip erst einmal drei Wochen aufbewahre, bevor ich sie wegwerfe, weil man ja nie weiss, ob darauf nicht vielleicht irgendwo ganz klein steht: Bitte bis morgen unterschrieben zurückbringen.

Aber zurück zum Elternabend. Ich hätte euch erzählen können, was gesagt wurde. Wer sich wann gemeldet hat. Wer ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass Kinder mit der richtigen Portion Vertrauen, Selbstverantwortung und vermutlich einem ausgewogenen Dinkel-Znüni bereits hervorragend auf das Leben vorbereitet werden. Ich hingegen bin schon froh, wenn mein Kind das Haus verlässt und beide Schuhe am selben Kind sind. Aber ich lasse es. Wirklich. Wir lassen den Elternabend heute einfach Elternabend sein. Ich war dort. Ich habe überlebt. Ich habe nichts angezündet. Ich habe niemanden beleidigt. Ich würde sagen: Total erfolgreich. Ich bin quasi über mich hinausgewachsen. Fast schon Dinkeldörte-Niveau. Nur ohne Dinkel.

Und doch habe ich mich, wieder einmal mehr, mit der Frage beschäftigt, was für eine Mami ich eigentlich bin. Nach so einem Elternabend ist diese Frage bei mir nämlich erstaunlich präsent. Andere gehen nach Hause und denken sicher: Das war ein interessanter Abend. Ich gehe nach Hause und denke: Bin ich eigentlich eine gute Mutter? Und fünf Minuten später: Warum habe ich eigentlich überhaupt angefangen, darüber nachzudenken? Ich versuche übrigens seit Jahren, mich nicht mit anderen Mamis zu vergleichen. Also, es klappt ja hervorragend, dass muss ich schon sagen. Also ungefähr so gut wie mein Versuch, morgens pünktlich aus dem Haus zu kommen (ein herzliches Danke an meinen Arbeitgeber, der flexible Arbeitszeiten anbietet). Vielleicht sollte ich einfach weniger Elternabende besuchen. Oder aufhören, mich mit anderen Mamas zu vergleichen. Oder beides. Wobei Letzteres vermutlich schwierig wird, weil die Schule offenbar fest entschlossen ist, mich regelmässig daran zu erinnern, dass irgendwo da draussen Mamas existieren, die offenbar einen funktionierenden Familienkalender besitzen. Ich habe einen. Ich weiss nur nicht, wo.

Ich stehe aber offiziell dazu: Ich bin die Mami, die morgens kurz vor dem Schulhaus ruft:„Hast du dein Züni eingepackt?!“ „Nein.“ „Warum nicht?!“ „Weiss nicht.“ „ICH AUCH NICHT!“ Und dann rennen wir beide zurück. Ah da ist es ja; neben dem Turnzeug. Das ebenfalls vergessen gegangen wäre.

Und genau in diesem Moment fragt eines meiner Kinder: Mami, hast du eigentlich meinen…? „NEIN.“ Vielleicht ist genau das meine Spezialität. Ich werde niemals die Dinkeldörte-Mama sein. Ich werde niemals morgens meditieren, während mein Sauerteig im Hintergrund liebevoll vor sich hin fermentiert. Mein Sauerteig würde bei mir vermutlich nach drei Tagen einfach die Kündigung einreichen. Ich habe auch kein Bedürfnis, morgens vor dem Frühstück erst einmal gemeinsam mit meinen Kindern die Gefühle vom Joghurt zu besprechen.

Mein Leben wird wahrscheinlich weiterhin aus kaltem Kaffee, vergessenen Turnsäcken, Diskussionen über Jacken und der ewigen Frage bestehen, warum IMMER genau dann jemand aufs WC muss, wenn wir eigentlich losmüssen, ok manchmal bin es sogar ich selbst.

Und vielleicht ist das auch okay. Denn vielleicht brauchen unsere Kinder gar keine perfekte Mami. Vielleicht brauchen sie einfach eine, die da ist. Eine, die manchmal komplett überfordert ist. Eine, die manchmal die Nerven verliert. Eine, die nicht immer weiss, welches Bedürfnis gerade hinter dem Verhalten steckt, sondern zuerst einmal versucht herauszufinden, ob das Kind überhaupt noch Schuhe anhat. Eine, die liebt. Unendlich. Eine, die manchmal danebenliegt. Eine, die nicht jeden Konflikt pädagogisch wertvoll löst. Eine, die auch einmal sagt: „Ich habe keine Ahnung. Wir machen es jetzt einfach so.“

Und an alle, die jetzt bereits wieder das Formular der KESB hervorgeholt haben: Ihr könnt es wieder weglegen. Wirklich. Es ist alles gut. Die Kinder haben Schuhe. Meistens jedenfalls. Sie werden satt. Sie werden geliebt. Sie wissen, dass ihre Mami zwar nicht immer weiss, was sie tut, aber verdammt viel Liebe im Gepäck hat. Und sollte doch einmal ein Kind ohne Znüni in der Schule sitzen: Es ist kein gesellschaftlicher Zusammenbruch – schliesslich verhungert man erst nach ca. 30 Tagen. Wobei ich an dieser Stelle vorsichtshalber festhalten möchte: Das ist keine Einladung zu einem 30-tägigen Znüni-Experiment. Die Gefährdungsmeldung muss wirklich nicht hervorgeholt werden. Das Kind hat lediglich sein Znüni zu Hause vergessen. Die restlichen Mahlzeiten werden schon nicht vergessen.

In diesem Sinne: Einen guten Abend – ohne Elternabend, ohne Dinkel und vor allem ohne das Bedürfnis, die eigene Erziehungsfähigkeit anhand anderer Mamas zu hinterfragen.

Wenn das Kind nicht ins Kästchen passt

 


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