Wenn bei uns der Vulkan ausbricht
ASS, Meltdowns und die Welt der Eltern, bei denen scheinbar immer alles funktioniert
Diesen einen Moment, in dem man merkt: Jetzt ist fertig. Nicht „fertig“ im Sinne von „das Kind ist müde und braucht ein bisschen Ruhe“. Nein. Ich meine wirklich fertig. Bei uns nennt man diesen Zustand mittlerweile gerne den Vulkan.
Für alle, die jetzt denken, dass es die Schuld von uns Eltern ist und wir einen kleinen Tyrannen gezüchtet haben, der beschlossen hat, dass die gesamte Familie nach seiner Pfeife tanzt: Nein. Ganz so einfach ist es nicht. Unser Vulkan ist autistisch. Und manchmal ist einfach alles zu viel. Ein Geräusch zu viel. Eine Frage zu viel. Eine Änderung zu viel. Ein Übergang, der eigentlich völlig harmlos wäre, wird plötzlich zur Staatskrise. Eine Jacke sitzt komisch. Jemand hat etwas anders gemacht als erwartet. Ein Termin dauert fünf Minuten länger. Irgendwo ist es laut. Irgendjemand sagt „Nein“. Natürlich passiert so etwas nie an einem gemütlichen Sonntagmorgen, an dem alle ausgeschlafen sind, der Kaffee dampft und Mami ausnahmsweise einmal vor 8 Uhr geduscht hat. Nein. Der Meltdown kommt selbstverständlich dann, wenn wir in fünf Minuten losmüssen, wir mitten in der Öffentlichkeit stehen und alle Blicke auf uns gerichtet sind, wenn drei andere Kinder ebenfalls etwas von mir wollen, wenn der Hund gerade beschlossen hat, dass er jetzt unbedingt genau diesen Karton fressen möchte und natürlich, wenn ich selber schon seit einer Stunde innerlich auf Reserve laufe.
Und genau da muss ich als Mami noch immer unglaublich viel lernen. Oft denke ich automatisch bei einem Wutanfall: Das Kind muss sich jetzt beruhigen. Dabei weiss ich doch eigentlich: Bei einem Meltdown geht es nicht darum, dass ein Kind sich einfach entscheidet, jetzt wieder vernünftig zu sein. Das Gehirn ist überladen. Der Körper ist überladen. Die Gefühle sind überladen. Und irgendwann hat das System einfach: Feierabend. daa kann ich noch so wunderbar erklären, dass wir jetzt aber wirklich losmüssen. Ich könnte auch eine PowerPoint-Präsentation machen. Liebes Kind, Folie 1: Warum wir jetzt das Haus verlassen müssen“ - Es würde ungefähr gleich viel bringen.
Ich habe ja gelernt und weiss eigentlich auch, dass in diesem Moment nicht der grosse Erziehungsauftritt gefragt ist. Nicht die zehnte Erklärung. Nicht „Jetzt hör aber endlich auf“. Und schon gar nicht der Satz: „Du musst dich jetzt beruhigen.“ Denn wenn ein Mensch gerade komplett überladen ist, ist „Beruhig dich“ ungefähr so hilfreich wie ein Mentos in einer Cola.
Manchmal braucht es dann einfach Ruhe. Nähe. Abstand. Zeit. Und einen Erwachsenen, der irgendwie versucht, sich nicht auch selbst in den Emotionen zu verlieren. Was übrigens einfacher klingt, als es ist. Denn ich bin Mami, ich bin nicht der Dalai Lama. Wenn neben mir gerade ein Kind komplett überfordert ist, drei Geschwister gleichzeitig etwas von mir wollen und ich irgendwo noch einen Hund bellen höre, dann bin auch ich nicht immer die Ruhe in Person. Aber genau das ist eben unser Alltag. Und genau solche Situationen können natürlich auch mitten in der Öffentlichkeit auftreten. Und genau da gibt’s dann noch die wunderbare Welt der anderen Eltern. Diese Welt fasziniert mich. In dieser Welt scheint vieles irgendwie einfacher zu laufen. Das Beste in solchen Situationen sind – neben den legendären Blicken – Kommentare, wie: Also bei uns funktioniert das mit klaren Konsequenzen ganz gut. Ah, wirklich? Ja. Super toll, Dinkeltöre, das freut mich. Wir haben nämlich ebenfalls Konsequenzen. Nur manchmal besteht die Konsequenz daraus, dass wir alle gemeinsam überlegen, wie wir die nächsten zwanzig Minuten überstehen. Ich liebe diese gut gemeinten Sätze: „Das Kind muss doch lernen, dass nicht immer alles nach seinem Kopf geht.“ Ja, natürlich. Das muss unser Autist lernen, ja. Aber er muss eben auch lernen, wie er überhaupt mit dieser Welt klarkommt. Und das ist ein Unterschied. Denn bei einem autistischen Kind geht es nicht darum, ihm jeden Wunsch zu erfüllen. Es geht darum, herauszufinden, was hinter dem Verhalten steckt. Und das ist manchmal Detektivarbeit. Manchmal bin ich Sherlock Holmes, nur ohne Lupe, dafür mit ungewaschenen Haaren. Ich frage mich dann selbst: Was war heute anders? Was war zu laut? War der Tag zu lang? Hat er etwas nicht verstanden? War die Erwartung zu gross? War der Übergang schwierig? Oder war einfach Dienstag? Ja, genau, auch das kann ein Grund sein. Dienstag ist schliesslich auch für neurotypische Erwachsene nicht immer ein besonders überzeugender Tag.
Was ich aber wirklich gelernt habe: Ein Meltdown ist kein Erziehungsversagen. Nicht von unserem Autisten. Und auch nicht von uns Eltern. Ich sage mir das immer wieder. Und trotzdem zweifle ich. Immer dann, wenn fremde Blicke wehtun, Köpfe geschüttelt werden und wir beurteilt werden, ohne dass jemand auch nur annähernd weiss, was gerade in unserem Kind vorgeht. Niemand sieht, wie viel unser Kind bereits ausgehalten hat. Wie viele Geräusche, Eindrücke und Veränderungen zu viel waren. Niemand sieht, wie sehr es gerade kämpft. Und niemand sieht, wie ich versuche, ruhig zu bleiben, obwohl ich innerlich selbst kurz vor dem Zusammenbruch stehe. Ich möchte mein Kind auffangen, beschützen und ihm Sicherheit geben. Und gleichzeitig würde ich am liebsten selbst in Tränen ausbrechen. Manchmal frage ich mich danach, ob ich etwas hätte anders machen können. Ob ich früher hätte merken müssen, dass es zu viel wird. Ob ich als Mami versagt habe. Dabei weiss ich doch, dass ich alles gebe. Und genau das ist dieser unsichtbare Kampf: für mein Kind stark zu sein, während ich selbst manchmal kaum noch Kraft habe.
Ich wünsche mir, dass Menschen weniger urteilen und mehr hinsehen. Denn mein Kind ist nicht sein Meltdown. Und ich bin nicht die schlechte Mutter, für die mich fremde Blicke manchmal halten lassen. Mein Kind kämpft mit einer Welt, die ihm manchmal zu viel wird. Und ich kämpfe mit ihm. Nicht perfekt, nicht immer stark, aber jeden Tag mit ganzem Herzen. Denn wir wissen nie, was bei der anderen Familie gerade wirklich los ist. Vielleicht sehen wir ein Kind, das im Laden schreit. Wir sehen aber nicht die drei Stunden davor. Wir sehen nicht, wie viel Vorbereitung nötig war, um überhaupt das Haus zu verlassen. Wir sehen nicht, wie erschöpft die Eltern sind. Und wir sehen schon gar nicht, wie viel Energie dieses Kind jeden Tag aufwendet, um in einer Welt zurechtzukommen, die nicht unbedingt für seine Wahrnehmung gemacht ist.
Ich muss dabei auch an meine anderen Kinder denken. Denn bei uns leben schliesslich nicht nur ASS und Meltdowns. Bei uns leben vier Kinder. Und drei davon sollen bitte nicht irgendwann sagen: „Entschuldigung, Mami, wir waren übrigens auch noch da.“ Das ist eine der schwierigsten Sachen für mich. Unser kleiner Kämpfer braucht manchmal mehr. Mehr Begleitung. Mehr Erklärung. Mehr Geduld. Mehr Unterstützung. Und trotzdem will ich, dass seine Geschwister ihre Kindheit leben können, ohne ständig das Gefühl zu haben, dass alles hintenangestellt wird. Also jonglieren wir. Wir versuchen. Wir reden. Wir erklären. Wir machen Fehler. Wir entschuldigen uns. Wir lachen. Und manchmal sitzen wir nach einem völlig absurden Familienabend zusammen und fragen uns ernsthaft: Was war das jetzt eigentlich? Keine Ahnung. Aber morgen geht es weiter. Und vielleicht ist genau das unser wichtigstes Learning. Wir müssen nicht jeden Meltdown verhindern. Wir müssen nicht jedes Problem lösen. Wir müssen nicht jeden Tag perfekt begleiten. Wir müssen auch – wie andere Familien – vorspielen, dass wir alles im Griff haben. Und ganz ehrlich? Ich bin schon zufrieden, wenn wir abends alle vier Kinder im Bett haben, der Hund nicht abgehauen ist, niemand den Fernseher aus dem Fenster geworfen hat und ich meinen Kaffee einmal warm trinken konnte. Das ist für mich persönlich schon ziemlich nahe an Perfektion. ASS hat unseren Familienalltag verändert.
Aber es hat uns auch gezwungen, genauer hinzuschauen. Nicht nur auf das Verhalten. Sondern auf das Kind dahinter. Und vielleicht ist das etwas, das wir alle manchmal brauchen könnten. Nicht sofort urteilen. Nicht sofort erziehen. Nicht sofort vergleichen. Einfach einmal denken: Vielleicht ist dieses Kind gerade nicht schwierig. Vielleicht ist gerade einfach alles schwierig. Und vielleicht ist auch die Mami nicht unfähig. Vielleicht ist sie einfach müde. Vielleicht hat sie seit drei Stunden versucht, alles zusammenzuhalten. Vielleicht hat sie gerade selbst keine Ahnung, was sie tun soll. Vielleicht braucht sie keinen guten Erziehungsrat. Vielleicht braucht sie einfach einen Kaffee.
Genau deshalb sind wir die Villa Wahnsinn: Nicht weil wir hier alles besser machen. Sondern weil wir es manchmal überhaupt nicht wissen. Wir machen es einfach irgendwie. Mit Liebe. Mit Humor. Mit ziemlich viel Chaos. Und mit der festen Überzeugung: Wir müssen nicht perfekt sein. Wir müssen nur unseren eigenen Weg finden. Und wenn dieser Weg zwischendurch durch einen Meltdown, eine zugeschlagene Türe und einen kalten Kaffee.