Schulbeginn mit ASS - zwischen Chaos und Verzweiflung

Der erste Schultag mit einem autistischen Kind – oder: Wie wir alle überlebt haben...

Erster Schultag.

Andere Mütter stehen morgens um 6 Uhr auf, flechten kunstvoll die Haare ihrer Kinder, packen liebevoll die Znünibox und machen danach noch 47 perfekte Fotos vom ersten Schultag. Und ich? Ich nicht...

Ich stand irgendwo im Haus, suchte mein Kind, damit wir und parat machen konnten. Aber wo war unser "Hösl" denn? Ach ja. Im Zimmer.
Denn er soeben in der letzten 3 Sekunden beschlossen, dass Schule heute grundsätzlich eine eher theoretische Angelegenheit ist.

Der erste Schultag mit einem autistischen Kind ist nämlich ungefähr so planbar wie das Schweizer Wetter im April...

Mami hat einen Ablauf. Mami hat einen Plan. Und Mami hat einen Ersatzplan. Und dann kommt das Kind. Und was macht es? Genau, es sagt NEIN; lautstark und ohne das man es falsch interpretieren könnte. 

Während andere Kinder voller Vorfreude mit ihrem neuen Rucksack Richtung Schule marschieren, beschäftigt man sich bei uns erst einmal mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens: Warum muss man Schuhe anziehen? Warum sind die Ferien zu ende? Warum bin ich schon so alt und kann nicht nochmals Baby sein. Und ganz wichtig: Wann ist denn endlich Wochenende?

Es ist übrigens erstaunlich, wie viele pädagogische Fachkenntnisse eine Mutter innerhalb von 15 Minuten entwickeln kann.

Man beginnt mit:
Komm, wir gehen jetzt zusammen, das wird bestimmt toll.

Dann:
Wir müssen jetzt wirklich los.

Dann:
Bitte zieh endlich deine Schuhe an, wir haben nicht mehr viel Zeit.

Dann:
„ICH HABE GESAGT, DIE SCHUHE.“ (Für alle die sich unsicher sind: ja, diesen Satz habe ich nicht mehr in pädagogischer Lautstärke gesagt)

Und ja, ich weiss, dass der Schluss pädagogisch ungefähr auf dem Niveau von „Jetzt ist einfach fertig!“ liegt. Danke an alle, die trotzdem nicht gleich eine Erziehungsberatung eröffnen.

Aber zwischen Reizüberflutung, unerwarteten Emotionen, kleinen Diskussionen und sehr individuellen Vorstellungen davon, wie ein Schultag auszusehen hat, gibt es diese kleinen Momente. Ein kleiner Blick, ein noch kleineres Lächeln. Und plötzlich denkt man: Ja wir schaffen das.

Der erste Schultag muss bei uns nicht perfekt sein. Er muss nicht aussehen wie auf Instagram. Es muss niemand geschniegelt vor dem Schulhaus stehen und aussehen, als hätte er sein Leben komplett im Griff.

Bei uns in der Villa Wahnsinn reicht: Kind angekommen. Rucksack dabei. Schuhe an. Nerven (mehr oder weniger) noch vorhanden.

Und ich? Auch ich frage mich: Wann ist denn endlich Wochenende?

 

Was mir wichtig ist...

…dass Kinder nicht schon mit sechs Jahren einen imaginären Stempel auf die Stirn bekommen.

Autistisch, Schwierig, Anstrengend, Kann das nicht, Braucht zu viel....

Denn genau diese Angst vor Stigmatisierung begleitet mich bis heute. Und manchmal reicht schon ein schiefer Blick von aussen und mein innerer Anwalt sitzt plötzlich kerzengerade auf dem Sofa und ist bereit für die Verteidigungsrede.

Das Problem ist doch: Unsere Gesellschaft liebt Schubladen. Sie sind ordentlich, übersichtlich und man weiss sofort, wo etwas hingehört. Blöd nur, dass Kinder keine IKEA-Kommoden sind. Jedes Kind ist einzigartig. Jedes Kind hat andere Bedürfnisse, andere Stärken, andere Herausforderungen und seine ganz eigene Art, die Welt zu sehen.

Und ja – ein autistisches Kind kann ein System manchmal vor Herausforderungen stellen. Genau wie übrigens auch ein nicht-autistisches Kind. Nur darüber reden wir irgendwie deutlich entspannter. Wir als Familie wünschen uns keine Sonderbehandlung. Wir wünschen uns Verständnis. Wir wünschen uns ein System, in der nicht ständig versucht wird, ein Kind passend für das System zu machen, sondern auch einmal geschaut wird, was das System tun kann, damit ein Kind darin seinen Platz findet.

Denn hinter jedem Verhalten steckt ein Kind. Hinter jedem „schwierig“ steckt eine Geschichte. Und hinter jedem „kann das nicht“ vielleicht einfach ein „braucht es anders“. Und oft steckt hinter all dem eine Familie mit verzweifelten Eltern, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen und sich nichts mehr wünschen, als dazuzugehören.