Mamisein: Wo man sogar ein schlechtes Gewissen bekommt, weil man gerade kein schlechtes Gewissen hat.

Veröffentlicht am 31. August 2026 um 22:12

Disclaimer: Dieser Text kann für Menschen mit einer ausgeprägten Bilderbuchfamilienvorstellung verstörend wirken. Nebenwirkungen können Augenrollen, Kopfschütteln und der spontane Wunsch seine Ansichten anderen ungefragt aufzudrücken. Lesen auf eigene Gefahr.

Ich muss ja gestehen: Ich komme mit unserer Gesellschaft manchmal ja ungefähr so gut klar wie ein Elefant im Porzellanladen. Diese Welt, insbesondere die Welt des Elternseins, ist faszinierend. Sie hat ihre eigenen Regeln, ihre eigenen Hierarchien und offenbar auch ein geheimes Punktesystem, dessen Existenz ich zwar nicht beweisen kann, dessen Auswirkungen ich aber immer wieder glaube zu spüre.n Ich nenne diese Welt liebevoll die Elternmaffia. Nicht, weil alle Mütter und Väter so sind. Zum Glück nicht. Es gibt wunderbare Mamis und Daddys, die ehrlich sagen können, dass sie gerade auch nur versuchen, den Tag zu überleben. Dies sind meine Menschen. Aber dann gibt es diese anderen Begegnungen, bei denen man nach einem harmlosen Satz plötzlich das Gefühl hat, man habe sich für die olympischen Spiele des perfekten Elternseins angemeldet. Man erwähnt beiläufig, dass sich das eigene Kind sau-anstrengend verhält und schon bekommt man ungefragt einen Vortrag über Schlafroutinen, Ernährung, Medienkonsum, Bindung und die richtige Mondphase. Ich erzähle, dass unsere Kiddiz gerne Tablet schaut, und ja…hört ihr es auch? Genau in diesen Momenten fällt im Hintergrund leise ein pädagogisches Urteil zu Boden. Warum ist es so schwierig aus diesem unsichtbaren und verstecken Wettkampf auszusteigen? Ich sollte dies nur schon allein deshalb tun, weil ich keine Ahnung habe, wo die Startnummer dafür ausgegeben wird. Dies habe ich – wie so vieles andere – verpasst.

Und dann gehe ich, neben dem täglich Wahnsinn zu Hause , auch auch noch - als vierfaches Mami - ausserhalb der eigenen vier Wände arbeiten. Freiwillig. Einfach, weil ich es will. Ich weiss, mutig. Oder je nach Perspektive auch leicht grössenwahnsinnig. Während mein Mann und ich zuhause versuche, den Familienzirkus mit vier Kindern und einem Hund irgendwie auf Kurs zu halten, gehe ich tatsächlich auch noch freiwillig aus dem Haus und begebe mich in die Arbeitswelt. Nicht, weil es zuhause langweilig wäre. Ganz im Gegenteil. Bei uns wäre genügend Arbeit vorhanden, um damit problemlos eine kleine mittelständische Unternehmung mit Arbeit zu beschäftigen. Inklusive Überstunden. Aber ich gehe arbeiten, weil ich es will. Hier könnte man das nächste Kapitel «Egoismus» thematisieren, darauf verzichte ich aber vorerst. Das Verrückte an meiner Arbeit ist: Kaum betrete ich meinen Arbeitsplatz, verwandelt sich mein Gehirn offenbar in eine andere Betriebssoftware. Plötzlich bin ich wieder einfach Frau (Ja, ich bezeichne mich auch in der heutigen Zeit noch als Frau – für alle, die sich das gerade ernsthaft gefragt haben). Fachfrau. Kollegin. Frau. Mensch. Nicht nur Mama von vier Kindern und einem Hund, sondern jemand, der sich mit anderen Dingen beschäftigt als mit verschwundenen Socken, Hausaufgaben, Znüniböxli und der philosophischen Grundsatzfrage, warum man sich eigentlich die Zähne putzen muss. Da sind wir doch schon bei meinem heutigen Thema «schlechtem Gewissen» angelangt. Natürlich ist das schlechte Gewissen auch bei mir nicht weit entfernt, wenn ich arbeiten gehe. Es ist sofort zur Stelle, wenn ich das Haus verlasse. Das gehört zum Muttersein vermutlich serienmässig dazu. Man kann es nicht abbestellen und auch nicht auf stumm schalten. Es läuft einfach mit. Offenbar sogar dann, wenn gerade alles bestens läuft. ABER, viele gehen vermutlich davon aus, dass mein schlechtes Gewissen entsteht, weil ich meine Kinder während der Arbeit vermisse. Weil ich bestimmt ständig denke: Was machen wohl die Kiddiz? Geht es ihnen gut? Vermissen sie mich? Brauchen sie mich? Tja. Hier kommt meine kleine Wahrheit, die man als Mami vielleicht besser nur für sich behält: 

Bei mir ist es ist genau umgekehrt.

Ich vermisse meine Kinder während der Arbeit erstaunlich wenig, also nein, eigentlich überhaupt nicht (für alle, die gerade innerlich die KESB alarmieren: Natürlich liebe ich meine Kinder!!!). Und genau dafür, weil ich meine Kiddiz eben nicht jede Sekunde vermisse, habe ich ein schlechtes Gewissen. Während andere Mütter vermutlich sehnsüchtig auf die Uhr schauen und denken: Ach, was machen wohl meine Kinder?, schaue ich auf die Uhr und denke: Oh. Schon Mittag? Und dann kommt sofort die innere Müttermaffia und setzt sich neben mich. Na toll, sagt sie. Du vermisst deine Kinder ja gar nicht, sagt die mir jedes Mal in einem ernsten Ton. Ich liebe meine Kiddiz inkl. Mann und Hund natürlich über alles. Aber ich vermisse sie eben nicht jede einzelne Sekunde. Warum wird einem von der Gesellschaft vermittelt, dass man seine Kinder jede Sekunde vermissen muss? Bin ich deswegen weniger Mami? Ich bin einfach für ein paar Stunden auch noch jemand anderes als Mami, MAMI, MAAAAAAMMI, usw.. Ich frage mich zwischendurch jeweils ernsthaft, warum ich das Bedürfnis überhaupt nicht habe anzurufen, ob alles in Ordnung ist. Ich habe nicht einmal das Bedürfnis mein Handy immer zur Stelle zu haben. Für alle, die nun das Gefährdungsmeldungsformular der KESB doch begonnen haben auszufüllen; Entwarnung: meine Kinder werden während der Abwesenheit von mir oder meinem Mann von den besten Menschen betreut werden und von uns unendlich geliebt, so wie jedes einzelne Kind ist. Ich weiss das sie während unserer Abwesenheit geliebt und verwöhnt werden. Und das von Menschen, die unser ganzen Vertrauen haben. Natürlich freue ich mich jedes einzelne Mal wieder nach Hause zu gehen, nach Hause in meine Villa Wahnsinn, wo alles ein wenig anders ist. Ganz nach dem Motto: Some Call It Chaos, We Call It Family. Ich liebe meine Familie genau so wie sie ist und will kein anderes Leben. Meine Villa Wahnsinn ist perfekt, genau so wie sie ist; eben alles andere als Perfekt. Und das, auch wenn ich meine Kiddiz nicht jede Sekunde vermisse.

Morgen gehe ich also trotz allem wieder arbeiten – mit schlechtem Gewissen, weil ich während der Arbeit kein schlechtes Gewissen habe , während ich eigentlich ein schlechtes Gewissen haben müsste, weil ich kein schlechtes Gewissen hatte. Kurz gesagt: Mamisein ist offenbar eine Tätigkeit, bei der man sogar wegen des fehlenden schlechten Gewissens ein schlechtes Gewissen bekommt.


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