Abklärung = Stempel?
Bei einer Abklärung kommt, leider auch noch heute im 21. Jahrhundert, bei vielen sofort dieses kleine Wort um die Ecke: „Stempel!“
Als würde man nach einer Abklärung plötzlich mit einem unsichtbaren Schild auf der Stirn herumlaufen: „Achtung, anders!“ Und genau da beginnt unser Zwiespalt. Natürlich möchte niemand, dass sein Kind auf eine Diagnose reduziert wird. Eine Diagnose soll kein Etikett sein, das einen Menschen kleiner macht. Sie soll im besten Fall eine Erklärung und vor allem eine Tür zu passender Hilfe sein.
Denn mal ehrlich: Wenn ich mir das Bein breche, gehe ich auch zum Arzt. Niemand sagt: „Ach komm, lass das lieber nicht abklären. Sonst bekommst du noch einen Stempel ‚Bein gebrochen‘.“ Nein. Man untersucht das Bein, stellt fest, was kaputt ist, bekommt vielleicht Medikamente, Krücken, einen Gips und im besten Fall Unterstützung beim Heilen.
Warum sollte das bei anderen Herausforderungen anders sein? Eine Abklärung bedeutet nicht: „Mit dir stimmt etwas nicht.“ Sie kann vielmehr bedeuten: „Jetzt verstehen wir besser, was los ist – und können endlich schauen, was hilft.“
Und genau deshalb sprach für uns vieles für eine Abklärung. Nicht, weil wir unbedingt irgendeinen Stempel sammeln möchten – Briefmarken gibt es schliesslich schon genug. Sondern weil wir verstehen wollen, warum bestimmte Dinge schwierig sind, was dahintersteckt und welche Unterstützung wirklich sinnvoll ist. Denn manchmal ist ein Stempel eben kein Brandzeichen. Manchmal ist er schlicht der Schlüssel zu einer Tür, vor der man vorher jahrelang stand und sich gefragt hat, warum sie verdammt nochmal nicht aufgeht.
Der Stempel – und dieses verdammte Hin und Her
Und dann ist da dieses Wort, das bei einer Abklärung irgendwie immer mitschwingt: Stempel.
Nicht unbedingt, weil wir selbst Angst davor haben. Sondern weil die Gesellschaft mit solchen Stempeln manchmal ziemlich kreativ umgeht.
Auf der einen Seite heisst es:
„Man darf niemanden in eine Schublade stecken!“
Auf der anderen Seite aber:
„Warum bekommt das Kind denn Unterstützung? Was hat es denn überhaupt?“
Und wenn man dann eine Abklärung macht und vielleicht eine Diagnose bekommt, heisst es plötzlich:
„Oh je, jetzt hat das Kind einen Stempel fürs Leben!“
Ähm... ja. Was denn nun?
Keine Abklärung machen? Dann fehlt vielleicht die Erklärung und damit auch die passende Unterstützung. Eine Abklärung machen? Dann besteht die Gefahr, dass jemand nur noch die Diagnose sieht und nicht mehr den Menschen dahinter. Und genau dieses gesellschaftliche Hin und Her ist das Schwierige. Denn eine Diagnose verändert nicht plötzlich den Menschen. Das Kind war vorher genauso einzigartig, liebenswert, lustig, anstrengend, clever, chaotisch oder wunderbar wie danach. Es bekommt durch ein Stück Papier nicht plötzlich eine andere Persönlichkeit. Was sich im besten Fall verändert, ist unser Verständnis. Und vielleicht auch die Möglichkeit, endlich sagen zu können:
„Ahhh... deshalb!“ Wenn jemand ein gebrochenes Bein hat, würde schliesslich auch niemand sagen:
„Wir sollten das lieber nicht röntgen. Nachher steht da wirklich, dass das Bein gebrochen ist!“ Nein. Wir wollen wissen, was los ist, damit wir helfen können. Natürlich wünschen wir uns, dass eine Diagnose niemals als Schublade benutzt wird. Nicht als Grenze. Nicht als Erklärung für alles. Und schon gar nicht als Ausrede, einen Menschen nicht mehr richtig kennenzulernen.
Eine Diagnose sollte nicht sagen:
„So ist dieser Mensch.“
Sie sollte eher sagen:
„Das könnte uns helfen zu verstehen, wie dieser Mensch die Welt erlebt und was ihm dabei helfen könnte.“
Vielleicht brauchen wir also weniger Angst vor dem Stempel – und mehr Angst davor, Menschen ohne Erklärung durchs Leben zu schicken, obwohl sie Unterstützung brauchen. Denn ganz ehrlich: Ein Stempel auf Papier ist ziemlich harmlos. Schwierig wird es erst, wenn die Gesellschaft daraus einen Stempel auf der Stirn macht.